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Der Erste Schultag (Teil zwei)

Der Erste Schultag (Teil zwei)
Bevor wir die Schule besuchen durften, mussten natürlich alle Kinder in die Kirche. Und damit es nicht dröge wurde, hatte der gute Pfarrer von der Schule einen Filmprojektor erhalten.
Da lief dann 'Die Bibel', oder zumindest ein Teil davon, in Zeichentrickversion. Und alle Kinder waren mucksmäuschenstill,
hallte doch der Ton gar furchtbar in der grossen Halle. Vom Bild mal ganz abgesehen, denn die Leinwand war nicht wirklich gross und nur diejenigen in den ersten Reihen hatten tatsächlich so etwas wie 'Filmvergnügen'. THX, Dolby und Co. waren damals noch Fremdworte. Von Stereo ganz zu schweigen.
Dort traf ich dann auch den Vater von Andreas. Andreas und sein Vater waren... anders.
Ich hatte bereits mit vielen Kindern im Dorf gespielt. Da waren Tomaso und Massimo, die beiden italienischen 'Gastarbeiterkinder', mit denen ich meist mit Matchboxautos und Murmeln bewaffnet, am alten Eichenbaum vor dem Bürgerhaus spielte. Meist mit Gigi im Bunde, hatte er es doch recht nahe bis zum Bürgerhaus. Später lernte ich noch die Geschwister Markus und Lutz kennen, sowie meinen 'Buddy' Goli. Goli-Freak war häufig bei uns zu Gast, da die 'Eltern'
sich untereinander kannten.
Eltern ??? Gab es nicht. Für mich gab es Brigitte und Klaus,
für Goli waren es Alex und Regine. Das Wort Mama oder Papa war nicht zugegen. Aber dazu später mehr.
Wie man inzwischen feststellen kann, waren nur wenige Mädchen im festen Freundeskreis. Spielausnahmen gab es nur, wenn keiner der Jungs verfügbar waren. Wollten doch die Mädchen immer nur 'Mama,Papa und Kind' spielen.
Bäääh ! Wie langweilig. Warum auf das spätere Leben vorbereiten, wenn der Spass doch im 'Hier und Jetzt' war.
Ball kicken, vom Heuboden springen, am Seil hangeln - das war es, was das Herz begehrte.
Aber zurück zu Andreas' Papa, den ich in den Kirche erblickte.
Ich 'glotzte' ihn an. Sowas hatte ich vorher noch nie gesehen.
Und starrte weiter auf ihn. Und er bemerkte mich, und starrte mich an und grinste. Noch nie hatte ich vorher solche strahlend weisse Zähne gesehen. Die leuchteten ja fast schon.
Und der Film war fast vergessen, konnte ich wenig da von sehen und noch weniger hören, sass ich doch nicht wie viele andere in den ersten Reihen. Brigitte sagte mir, dass nach dem Gottesdienst Bilder gemacht werden und wenn ich zum Schluss reingehe, käme ich als einer der Ersten wieder raus und müsste nicht lange 'anstehen'. Von Qualitätseinbussen vom Film war nie die Rede. Aber Egal. Nach dem Gottesdienst war dem tatsächlich so; ich war fast einer der Ersten. Fast. Wäre da nicht der Papa von Andreas gewesen.  Der stand an der Eingangspforte und suchte Andreas. Und fand ihn. Und gab mir die Hand. Und ich ihm meine. Und nach dem Handschütteln schaute ich, ob die Hand 'abgefärbt' wäre.
Nein, das war sie nicht. Ist schon seltsam, was man als kleines Kind alles erlebt und 'ausblendet'.
Das ich in meiner zweiten Hand auch ein Kind an den Händen hatte, weil die 'Klassenlehrerin in Spe' es vor dem rausgehen angeordnet hatte. Und sich die Hand wie selbstverständlich mit meiner verbunden hatte. Und mir es damals 'egal' war, wollte ich doch nur das tolle 'Einschulungsfoto' mit meiner Schultüte machen. Schliesslich und endlich dann die Tüte plündern. Achja, so lernte ich Andreas an meiner Hand kennen.
Andreas' Papa war Amerikaner. Mit sehr, sehr gebrochenem Deutsch. Im Endeffekt verstand man ihn so gut wie gar nicht.
Aber man erkannte ihn von Weitem. Er war etwas besonderes.
Es war seine Haut, die ihn 'hervorstechen' liess. Etwas, dass ich bei Tomaso und Massimo zwar vorhanden war, aber nicht so stark. Er sah aus wie ein 'Brikett'. Und Andreas ??? Hatte ihn gar nicht bemerkt, wären da nicht die Hände gewesen, die uns banden. Nein, Andreas hatte einen starken 'braunton'.
Dunkler wie bei Tomaso, aber bei weitem nicht so 'schwarz' wie bei seinem Papa. Andreas kam in 'meine' Klasse, gleich neben mir. Wir wurden gute Freunde. Nicht ganz so gut, wie mit Gigi oder Goli-Freak, aber doch Freunde. Zumindest über eine Zeit von vier Jahren. Dann ging das Lebenskapitel für jeden in eine andere Richtung. Aber vergessen... werde ich ihn nie. Und seinen Papa auch nicht.

Kommentare

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hope53 20.12.2021 01:59
Toll, dass Du Dich noch so gut daran erinnern kannst - ich kann es leider nicht.

Ich freue mich jetzt umso mehr auf den Teil 3 ...
 
(Nutzer gelöscht) 20.12.2021 06:38
Sehr schön geschrieben, Tionis......und auch wunderbar "versteckt" hintergründig, falls ich es richtig deute...... 👍

Deine Erzählung passt eigentlich in jede Zeit, aber in die jetzige ganz besonders! 
 
(Nutzer gelöscht) 20.12.2021 09:29
Muss man in eine simple Geschichte von Früher jetzt einen zusammenhang sehen mit politischen moralvorstellungen.
Es war eine Zeit wo es einfach Einfacher zuging. Wo man die Dinge so genommen hat wie sie waren und sie auch so benannt hat. Und heute wird aus den Murmelfarben von damals eine geopolitische Aussage getroffen. 
 
(Nutzer gelöscht) 20.12.2021 10:20
Menschen "müssen" gar nichts, ausser sterben!
Sie dürfen oder können sich aber durchaus ihre eigenen Gedanken zu einer Geschichte machen, auch wenn die nicht von allen geteilt werden.
 
Tionislaw 20.12.2021 10:55
Das Schlimme oder das Gute daran ist: es ist mir widerfahren und es hat mich geprägt. Jeden Tag geschehen schlimme, aber auch wunderbare Erfahrungen bei jedem einzelnen Individuum, nur: nicht jeder denkt im Nachhinein darüber nach.Und auch das Gedächtnis spielt hin und wieder mal einen Streich. Denke ich an Gigi, so sehe ich an den mit Sommersprossen, leicht rothaarigen mit Hasenzähnen bestückten Jungen zurück, der mir viele Tage Spass und Vergnügen bereitete. Das er einen älteren Bruder hatte, war mir absolut entfallen. Bis wir nach zig Jahren der Stille endlich telefonischen Kontakt hatten. Und ich ebenso feststellen musste: Die Zeit hinterlässt Ihre Spuren.
Und die Wege, die man beschrittten hat auch.
 
(Nutzer gelöscht) 20.12.2021 12:08
Tioni, als ich durch einen Umzug meiner Eltern in eine andere Schule kam, wurde ich am ersten Tag neben ein Mädchen gesetzt, dass mir natürlich völlig fremd war. Das war im dritten Schuljahr, und wir  waren beide 8 Jahre alt. Wir sind Freundinnen geworden sogar beste Freundinnen und sind es heute, 56 Jahre später immer noch. Auch wenn unser beider Leben sehr unterschiedlich verlief, haben wir nie den Kontakt zueinander verloren. Sowas ist ein echtes Geschenk des Lebens und dafür bin ich sehr dankbar.
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